Das Geschenk des Singens


Für Menschen zu singen ist eine Form des rückhaltlosen und bedingungslosen Schenkens.

Sie funktioniert dann besonders gut, sie tut dann ihren vollkommenen Zweck, wenn man sich als Kanal erlebt, und "es" durch einen singt. 

 

Junge Sängerinnen und Sänger (und leider auch viel alte) sind oft sehr ambitioniert und selbstbezogen, was "ihren" Gesang angeht. Sie produzieren sich gern in Performances. Das gehört ein Weilchen zum Entwicklungsprozess.

 

Ein*e gute*r Lehrer*In erkennt dies und lenkt die Aufmerksamkeit des Schülers weg von musikalischer Selbstbefriedigung und eitler Selbstdarstellung hin zur Selbsterkenntnis, dass das Ego im Prozess des Musizieren zurückgewiesen werden muss, wenn Singen inspiriert sein soll.

Wer "begnadet" singt, hat es geschafft, seine selbstdarstellerischen Absichten zumindest temporär zu vergessen oder hinten an zu stellen zugunsten dessen, was sich durch den Kanal zeigen will.

 

Zum begnadet sein, gehört Offenheit und Empfänglichkeit.  In einen vollen Eimer (jemand, der aus seinem Egoanteil musiziert) kann man nun mal nichts hinein füllen - keinen Spirit, keine In-Spiration!

 

Dies bedeutet, begnadet zu singen ist nichts, was man macht, sondern was durch einen hindurch gemacht wird.

 

Und natürlich lässt man es fließen und verschenkt es im Akt des Singens. Dies bedeutet sich ganz zu verschenken und zu zeigen und hat überhaupt nichts mit "sich produzieren" zu tun.

 

Singen aus dieser Haltung ist das  größte Geschenk, das man anderen und sich selbst machen kann.

 

© Tatjana Schuba